[keimform] Publikationsreif?

Franz Nahrada f.nahrada at reflex.at
Mi Feb 23 21:56:07 CET 2011


Den Artikel von Freerk Huisken könnte man demonstrativ in Keimform
publizieren.

http://neoprene.blogsport.de/2011/02/23/update-zur-gegenrede-von-freerk-huisken-zum-fall-guttenberg/

übrigens hat der Neoprene eine schöne Korrektur angebracht

Sowas wäre ein schöner kleiner Quantensprung ......

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Der Fall Guttenberg: Geistiges Eigentum oder der Unfug der Privatisierung
von Erkenntnis

Wer von den Kritikern und Spöttern, die sich über die Plagiate in der
von K.​F.​von Guttenberg vorgelegten Dissertation hermachen, weiß
eigentlich wie die Arbeit betitelt ist?(1) Wer kennt die Thematik, wer hat
zwecks inhaltlicher Auseinandersetzung einen Blick in die leicht per
Internet zugängliche Doktorarbeit geworfen? Und wer von denen hat sich
die Mühe gemacht, die Thesen dieser Arbeit einmal getreu dem Motto des
Verlags, bei dem die Dissertation neu publiziert worden ist, zu
überprüfen: Vincit veritas – die Wahrheit siegt?

Natürlich sind das rhetorische Fragen. Wer auf Plagiatssuche ist, wer
fehlenden An- und Ausführungszeichen, unterlassenen Fußnoten mit
Quellenangaben auf der Spur ist, muss das nicht. Dem geht es um etwas
anderes als um die Frage, inwieweit die vom Verteidigungsminister
abgelieferte Arbeit neue und zutreffende Erkenntnisse geliefert hat. Der
prüft vielmehr, ob sie auch den „strengen Standards wissenschaftlichen
Arbeitens” entspricht, von denen Professoren in der SZ vom 22.2.
berichten. Und zu denen gehört nun einmal der Unfug mit dem geistigen
Eigentum. Doch was ändert es eigentlich an einem zu Papier gebrachten
Urteil über einen verfassungsrechtlichen oder sonstigen Sachverhalt, wenn
er aus einer Mischung von Selbsterdachtem und bereits publizierten
Gedanken besteht – und zwar ohne dass der Erstdenker des übernommenen
Gedankengebäudes genannt worden und die Quelle minutiös nachgewiesen
worden ist? Am inhaltlichen Urteil ändert das nichts. Es kann wahr oder
falsch sein. Mit der Angabe der Quelle oder ihrer Unterlassung wird ja der
Gehalt der übernommenen Passage sachlich gar nicht verändert. Überdies
kommt kein Schreiberling um die Beantwortung der Frage herum, ob eine
Textstelle, auf die er sich berufen will, wenigstens so weit stimmig ist,
dass sie zum eigenen Argumentationsgang passt. Davon kann keine
Quellenangabe entbinden. Die Differenz zwischen denken und nachdenken,
d.h. die Gedanken anderer zu überprüfen, hebt sich auf; der Fremdtext
ist wie jeder eigene Gedanken zu prüfen. Es kommt nur darauf an, dass sie
stimmen – sollte man wenigstens meinen.

Doch mit den im akademischen Wissenschaftsbetrieb brutal eingeforderten
Zitataufweisen und Quellenangaben, ändert sich schon etwas.(2) In der
Zuordnung von Gedanken zu seinem jeweiligen Erstschöpfer, der
Wissenschaftlerperson äußert sich die Personalisierung und
Privatisierung von Erkenntnis. Dies hat Konsequenzen: An die Stelle der
Prüfung von wissenschaftlichen Urteilen tritt dann schon mal der
Autoritätsbeweis. Da werden Kant und Habermas, Hegel und Popper, Keynes,
M.​Weber und andere sogenannte Giganten des Geisteslebens weniger
deswegen zitiert, weil ihre Theorien jeder kritischen Überprüfung
standhalten würden und sich deswegen auf ihnen aufbauen ließe. Sie als
Quelle zu benennen soll den Schreiber vielmehr als jemanden ausweisen, der
die gültigen Geistesgrößen studiert hat, und der bereits darüber den
Bonus kassieren kann, im Fahrwasser dieser wissenschaftlichen Riesen,
mithin auf richtigem Kurs zu segeln. Da ersetzt dann der gute Name so
eines Wissenschaftlers die Prüfung seiner theoretischen Absonderungen.

Das bedeutet umgekehrt, dass sich derjenige, der als erster eine bestimmte
These publiziert hat, als ihr Erfinder rühmen darf. An ihm hängt sie ein
für alle mal dran, mit seinem Namen ist sie verbunden, von der Größe
seiner Person zeugt sie – wenn sie etwas gilt.(3) Und wer sie nach ihm
benutzt, hat das Copyright des Erstverfassers zu beachten, ihm als Urheber
einer Theorie die entsprechende Referenz zu erweisen. Darauf hat er ein
Recht. Und das kann er sogar einklagen. Erkenntnis wird auf diese Weise
mit Hilfe der staatlichen Rechtsprechung wie ein Eigentum seines Autors
behandelt. Die Erkenntnis darf zwar – wenigstens im Bereich der
Geisteswissenschaften -​benutzt, sozusagen ausgeliehen werden, sie
„gehört” aber weiterhin dem Erstermittler. Deswegen können Plagiate,
also nicht mit dem Hinweis auf die Quellperson gekennzeichnete
Textpassagen auch Strafen nach sich ziehen: die Aberkennung des
akademischen Titels oder für den Fall, dass ein Eid gebrochen worden
ist(4), sogar Haftstrafen.

Verlangt ist in den Geistes-​ und Gesellschaftswissenschaften also etwas
anderes als offenen Fragen aus dem Bereich von Politik und Ökonomie,
Recht und Familie, Staatsformen und Rassismus etc. mit der Absicht
nachzugehen, sie einer zutreffenden Klärung zuzuführen und damit das
richtige Wissen über Gesellschaft zu erweitern. Da ist zum einen der
Kotau vor den Großen der jeweiligen Disziplin verlangt. Ihnen hat man
durch ausgewiesene Bezugnahme auf ihr Werk zu huldigen. Das darf durchaus
auch schon einmal kritisch ausfallen, wobei die Grenzen des
wissenschaftlichen Pluralismus und seine Logik – „Wasch mir den Pelz,
aber mach mich nicht nass!” – zu beachten sind. Zum anderen kommt es
gerade umgekehrt auf Originalität im Wissenschaftsbetrieb an. Verlangt
werden gerade von Dissertationen neben allen Devotionalien mutige, von
Kreativität zeugende neue Hypothesen, Ansätze und Modelle, die ohnehin
niemand im akademischen Reich mit richtigen Gedanken verwechselt. Aber
genau deswegen bedarf es der albernen Prüfung, inwieweit ein formulierter
Gedanke nicht bereits einen Eigentümer hat, der unbedingt benannt werden
muss.

Dass diese Prüfung mit einem nicht unerheblichen Aufwand verbunden ist
– deswegen ist von „strengen Standards” die Rede – liegt daran,
dass wissenschaftliche Erkenntnis, sei sie richtig oder falsch, ein
geistiges und kein materielles Ding ist. Gegenständliche Güter – etwa
ein Fahrrad, die Stereoanlage oder eine PC – lassen sich eben zu einer
Zeit immer nur von einer Person benutzen. Dass der jeweilige Benutzer
hierzulande der Eigentümer zu sein hat, liegt allerdings nicht an der
materiellen Qualität von Gebrauchsgegenständen. Die rechtliche
Absicherung einer Verfügung über Produkte, die andere solange von ihrem
Gebrauch ausschließt, bis sie die (Geld-)Interessen des Eigentümers
bedienen, ist die Absicherung eines ganzen Produktionsverhältnisses, in
welchem Produkte überhaupt nur als Waren das Licht der Welt erblicken.
Deswegen ist in der hübschen Marktwirtschaft die Benutzung jedes
materiellen Guts an Eigentumsübertrag gebunden, mit dem den
Interessenten, die nur als personifizierte Kaufkraft von Interesse sind
– egal ob sie es nötige Geld haben und egal, wie schwer sein Verdienst
auch fällt –, erst nach dem Austausch von Geld und Ware die freie
Verfügung über das Produkt, das nun ihr Eigentum sind, gestattet wird.
Bei Gedanken verhält es sich anders: Sie sind – einmal publiziert –
allgemein zugänglich, und verwendbar. Da bedarf es nicht des
Händewechsels, um sich seiner zu bedienen. Diese Zeilen etwa kann sich
der Leser aneignen, ohne dass ihr theoretischer Gehalt dadurch aus meinem
geistigen Arsenal verschwände; nicht einmal blechen muss er dafür!
Geistiges Gut kann eben im Unterschied zu materiellen Gütern zur gleichen
Zeit von vielen angeeignet und verarbeitet werden, weil es beliebig zu
vervielfältigen ist. Mit der Etablierung von geistigem Eigentum(5) wird
dieser immense Vorteil geistiger Güter glatt zu ihrem Nachteil erklärt.
Und Erkenntnis, die einmal ersonnen überall und zu jeder Zeit und von
jedermann an zueignen und zu benutzen ist, ohne dass sie damit dem
ursprünglichen Entdecker verloren geht, wird rechtlich in den
ökonomischen Kategorien des gegenständlichen Eigentums gefasst. So
absurd und so skandalös das ist – ihrer Natur nach allgemeine
Erkenntnis wird so seiner allgemeinen und damit allgemein nützlichen
Natur beraubt –, so hat es doch seine kapitalistische Räson. Die wird
besonders in den Naturwissenschaften deutlich, aber eben nicht nur dort.

Beim Dr.-​Titel, dem Staatsexamen oder jedem anderen universitären Grad
handelt es sich in erster Linie um Mittel in der und für die
akademische(n) Konkurrenz.(6) Nur deswegen wird aus der nicht
gekennzeichneten Abschrift einer Textpassage aus einem vorliegenden Werk,
die dem „Plagiator” vielleicht nur schlicht eingeleuchtet hat, ein
Vergehen, ein unzulässiger Konkurrenzvorteil, der mit Rückstufung in der
Konkurrenz oder gar Ausschluss aus ihr geahndet gehört. Der Ruf des
Abschreibers ist auf jeden Fall ruiniert. Was dem sachlichen Gehalt nach
gar nicht vom Selbsterdachtem zu unterscheiden ist, wird dann per
besonderer Fahndung(7) nach sprachlicher und stilistischer
Übereinstimmung von Textpassagen als Diebstahl ermittelt – das geht
nicht anders, denn dem ursprünglichen Verfasser ist ja durch die
Abschrift nichts abhanden gekommen. Wenn sich jetzt Professoren in offenen
Briefen und TV-​Statements um das Niveau des akademischen Betriebs
sorgen(8), dann gilt diese ihre Sorge allein der Sicherung dieser
Standards ihres Konkurrenzbetriebs. In ihren Olymp darf nur dem Einlass
gewährt werden, der ihre geistige Autorität achtet und in jenen Maßen
Originalität aufzuweisen hat, wie sie von einer Dissertation erwartet
wird, mit der die jeweilige Disziplin „um neue Gesichtspunkte”, um
einen „Beitrag zum Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis”
erweitert werden soll.(9) Ob der da Jahr für Jahr angelieferte
Geistesmüll zutreffende neue Einsichten in gesellschaftliche Phänomene
einhält, steht nicht zur Debatte. Wie auch!

Für die Naturwissenschaften gilt all dies einerseits ebenfalls,
andererseits schlägt hier die kapitalistische Konkurrenz mit ihrer
Eigentumslogik ungleich härter zu. In der Kategorie des Patents, das
durch eine ganze Rechtsabteilung definiert und geschützt wird, fasst sich
der Versuch von Unternehmen zusammen, sich die Benutzung neuer, Gewinne
versprechender Entdeckungen und Erfindungen ausschließlich, d.h. gegen
die Konkurrenz zu sichern. Auf diese Weise werden nützliche
naturwissenschaftliche Erkenntnisse – die übrigens und ganz im
Gegensatz den gesellschaftswissenschaftlichen Forschungsresultaten nur
dann anwendbar sind, wenn sie stimmen - um ihre allgemeine Anwendbarkeit
gebracht und ganz dem Kapitalinteresse an Vermehrung von Geld durch
Entwicklung neuer Produkte und neuer Verfahren zur Steigerung der
Produktivität des Unternehmens subsumiert. Der Betrieb, der als erster
ein neues Antriebssystem, einen noch schnelleren Prozessor oder ähnliches
auf den Markt bringt, kassiert im Verhältnis zur Konkurrenz Extraprofite,
schafft damit Konkurrenzverlierer – nebst all dem, was an menschlichem
Elend an der Schließung von Unternehmen hängt. Daraus ergibt sich
umgekehrt, dass hierzulande keine neue naturwissenschaftliche Entdeckung
praktisch nutzbar wird, wenn sich nicht ein Kapital findet, das in ihr
eine neue Gewinnquelle sieht. Die Frage, ob so eine Entdeckung den
Menschen nützen könnte, ihr Leben gesünder, die Arbeit leichter oder
ihre Freizeit länger machen könnte, ist kein das Kapital umtreibender
Gesichtspunkt. Und so ein Kapital findet sich nur, wenn die – wenigstens
vorübergehend – exklusive Nutzung von Wissen als Patenteigentum
gesichert ist. Naturwissenschaft im Kapitalismus wird nach
Rechtskategorien per Staatsgewalt ganz dem Eigentum an Kapital nützlich
gemacht. Und in der Fabrik werden die Produkte von Naturwissenschaft in
ihrer vergegenständlichten Form als Maschinen und Automaten dafür
hergenommen, immer mehr Arbeit für immer weniger Geld aus immer weniger
Arbeitskräften herauszupressen. Deswegen stellen Naturerkenntnis und
Technologie hierzulande keinen Segen, sondern umgekehrt in ihrer
privatisierten Kapitalform einen Schaden für den einkommensabhängigen
Teil der Menschheit dar.

Um all das geht es beim Plagiieren. Und nichts davon wird zum Thema, wenn
sich die Menschheit einerseits um Glaubwürdigkeit ihres strahlenden
Kriegsministers und andererseits um die Seriosität ihres akademischen
Konkurrenzbetriebs sorgt.

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1) ”Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle
Entwicklungsstufen in den USA und der EU”, Berlin 2009
2) Studierende, die in ihren wissenschaftlichen Arbeiten Passagen nicht
„belegt” haben, werden von ihren Professoren nicht selten mit der
Frage konfrontiert, woher sie denn diese Gedanken hätten. Der Hinweis,
sie hätten sich erlaubt, einmal selbst nachzudenken, wird als
unwissenschaftlich zurückgewiesen. So etwas steht Studierenden nicht zu.
Man denke diese geforderte geistige Entmündigung einmal zu ende: Wenn ein
Gedanke nur gelten würde, wenn er sich über zuvor bereits Gedachtes
absichert hat, dann würden schwerlich neue Gedanken auf die Welt kommen
können.
3) Da gibt es dann den Kant’schen Imperativ, Habermas‘ Theorie des
kommunikativen Handelns, Luhmanns Systemtheorie usw.
4) Bei der Vorlage von Prüfungsarbeiten aller Art muss in der Regel
beeidet oder erklärt werden, dass alle fremden Quellen gekennzeichnet
worden sind.
5) Ausgerechnet an der Uni Bayreuth, an der Guttenberg promoviert hat,
gibt es einen Lehrstuhl, der sich mit geistigem Eigentum befasst; besetzt
von einem Professor, der eine Zeitschrift gleichen Namens heraus gibt.
(SZ, 23.2.)
6) Bei Guttenberg ist der Titel Mittel, um sein Renommee zu heben: Sein
kometenhafter politischer Aufstieg, darf man denken, verdankt sich nicht
allein dem Adelsprädikat, sondern auch seinem schlauen Kopf..
7) Siehe die gut dokumentierte Arbeit von „GuttenPlag.​Wiki”, die
diesen Wahnsinn zur Methode macht.
8) So mancher von ihnen wird sich allerdings mit Beklemmung fragen, wann
man ihm auf seine Schliche kommen wird.
9) So in etwa lauten Qualitätskriterien für Dissertationen.

PS 1: Guttenberg wird hier natürlich nicht verteidigt. Seine
Dissertation, für die er sich inzwischen „entschuldigt” hat und auf
dessen Dr.-​Zierrat er verzichtet, wollte nun wirklich nicht mit
ausufernder Abpinselei die Maßstäbe des herrschenden
Wissenschaftsbetriebs kritisch aufs Korn nehmen. Wie auch: Ist er doch
oberster Chef jener nationalen Behörde, die mit Krieg am Hindukusch
kapitalistisches Privateigentum und Konkurrenzwirtschaft verteidigt.

PS 2: Der vorstehende Text beansprucht wie alle anderen GegenReden kein
Copyright. Wem er einleuchtet, der soll ihn benutzen wie er mag. Wem er
nicht einleuchtet, der soll sich melden bei: info@​fhuisken.​de. Denn
so unwichtig bis störend beim Vortrag von einem Argument der Verweis auf
den Autor ist, so interessiert es diesen doch, wenn ihm jemand einen
Fehler in seinen Gedanken aufzeigt.

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