[keimform] Publikationsreif?

Christian Siefkes christian at siefkes.net
Mi Feb 23 22:33:09 CET 2011


Nabend Franz,

On 02/23/2011 09:56 PM, Franz Nahrada wrote:
> Den Artikel von Freerk Huisken könnte man demonstrativ in Keimform publizieren.
> 
> http://neoprene.blogsport.de/2011/02/23/update-zur-gegenrede-von-freerk-huisken-zum-fall-guttenberg/

können wir gern machen, aber nur unter der Voraussetzung, dass Christian
Siefkes und nicht etwa Freerk Huisken als Autor des Artikels genannt wird!
Ne, im Ernst: der "Fall Guttenberg" hat mit geistigem Eigentum und der
Bewegung für Freie Kultur (oder gar eine Freie Gesellschaft?) nichts zu tun.

Im Gegenteil ist bei Freier Software und Freier Kultur die Attribution, die
Anerkennung der Beiträge anderer, selbstverständlich und wird praktisch
universell praktiziert. Bei den Creative Commons Lizenzen wird sie von sogar
von der Lizenz gefordert, bei Freier Software gehört sie einfach zum guten
Ton. Zusammenarbeit unter Peers funktioniert auch nur so, denn wenn
einer die Beiträge anderer als seine eigenen ausgeben würde, würde er die
anderen mit Sicherheit verprellen.

Und für die Wissenschaft gilt dasselbe. Nicht umsonst gibt es das Schlagwort
vom Wissenskommunismus <http://de.wikipedia.org/wiki/Wissenskommunismus>,
das sich auf die Selbstverständlichkeit bezieht, mit der man in der
Wissenschaft auf den Erkenntnissen anderer nicht nur aufbauen darf, sondern
aufbauen soll. Das funktioniert aber überhaupt nur deshalb, weil die
Quellen, genau wie bei Freier Software, kenntlich gemacht werden. Denn die
Angabe von Quellen ermöglicht die "Rückwärtssuche" nach anderen
interessanten Texten, die sich schon vorher mit ähnlichen Ideen beschäftigt
haben. (Und ergänzend ermöglichen Tools wie Citeseer
<http://citeseer.ist.psu.edu/> die Vorwärtssuche nach Texten, die eine Ideen
aufgreifen und weiterentwickeln).

Klar ist am wissenschaftlichen Titel/Reputationswahn insbesondere in seiner
modernen Ausprägung "ich muss möglichst viel publizieren und möglichst oft
zitiert werden" (denn solche quantitativen Kriterien werden stupide für
Evaluationen verwendet) viel zu kritisieren, aber das mit der notwendigen
Kritik am geistigen Eigentum in einen Topf zu werfen und Guttenberg zu
verteidigen (was der Autor natürlich, ob er will oder nicht, doch tut) halte
ich für ganz falsch.

Herzliche Grüße
	Christian

PS. Für die Literatur gelten übrigens wiederum andere Spielregeln, daher
würde ich z.B. den "Fall Hegemann"
<http://de.wikipedia.org/wiki/Helene_Hegemann#Plagiats-_und_Betrugsvorw%C3%BCrfe_und_folgende_Diskussion>
ganz anders bewerten. (Ganz abgesehen davon, dass da nur wenige Zeilen
plagiiert wurden, und die auch noch mit deutlichen Variationen, und nicht
dutzende von Seiten.)

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